Führung zur Klarheit
Gisela Schulz
 
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  • Die alte Taschenuhr

    Es war im Juli des Jahres 2000, ich war gerade dabei, meinen Haushalt vollständig aufzulösen, um an einem anderen Platz neu zu beginnen. Alles was ich besaß, gab ich weg, am Ende würden nur ein Koffer voll Kleidung und zwei Kartons mit ausgewählten Büchern, CDs, Fotos und einigen kleinen Gegenständen übrig bleiben.

    Gerade war etwas abgeholt worden und einige Kartons hatten meine Wohnung verlassen. Tiefer Frieden war in mir. Ich saß an meinem Schreibplatz, versunken. Da fiel mein Blick auf die Wand. Dort hing die alte Taschenuhr meines Vaters. Ich nahm sie ab und dachte, die könne ich doch heute schon verschenken. Sie war ganz dunkel geworden. So fing ich an sie zu putzen. Stück für Stück begannen das Silber und das Gold wieder zu glänzen. Ich tat das mit Andacht. Fand die Gravierung "WH" auf der Rückseite wieder, nun gut sichtbar.

    Schön sah sie aus, die Uhr. Wärme war in mir und ich wußte, mein Sohn würde sich freuen, über dieses Stück. Da vernahm ich ein Ticken. Die Uhr tickte. Das hieß ja, sie ging noch! Welch Freude. Ich putzte geruhsam weiter. Lauschte noch einmal, ob das Ticken anhielt. Ja!

    Als ich mit meiner Arbeit fertig war und die Uhr nun ganz blank, dachte ich, ich könne sie ja mal stellen und schauen, ob und wie lange sie geht. In diesem ganzen Tun war ich so versonnen, daß mir jegliches Zeitgefühl fehlte. So schaute ich auf das Ziffernblatt der alten Taschenuhr, was es denn zeigte. Zwölf vor acht. Dann sah ich auf meine Armbanduhr, um zu sehen, auf was ich die alte Uhr stellen müsse. Sie zeigte - zwölf vor acht.

    Welch geniale Fügung. Ich war tief berührt. Staunte. Fühlte der Gleichheit der Zeit dieser beiden Uhren nach. Fühlte neben Schönheit, Wärme und Geborgenheit, daß da noch etwas dahinter stand. Etwas, das ich mit Worten noch nicht ausdrücken konnte. Größe, Weite, Verbindung zum Ganzen, zum Universum.

    Am nächsten Morgen, noch in meinem Bett liegend, fragte ich in mich hinein: "Was will mir das sagen?" – Die Antwort kam prompt:

    Die Zeit ist richtig - es ist die richtige Zeit.
    Du bist eingeschwungen.
    Du bist in Gleichklang. Laß dich tragen.

    Es geschieht ohne Absicht.
    Es geschieht, bevor du begreifst,
    daß es geschehen ist.
    Das, was du willst, geschieht,
    bevor du denkst, daß du es willst.

    Es fügt sich alles.

    Im Gleichklang bist du absichtslos,
    dann kann geschehen, was dein Wunsch ist,
    bevor du ihn dachtest.
    Wenn der Verstand begreift,
    ist schon alles geschehen.

    Zeit ist immer. Immer ist Zeit. Zeit ist.
    Zeit ist Fügung.
    Wenn du ihr keine Bedeutung mehr beimißt,
    stimmt sie genau.

    Gleichklang.

    Dieser Text berührt mich bis heute und wenn ich ihm nachlausche, kann ich die Einheit von allem was ist, ein Stück spüren.